Himmlische Inneneinrichtung

Ich war zunächst verärgert vorgestern Abend. Der beste Ehemann von allen und ich wollten uns ein wenig vergnügen, hatten wir doch Hochzeitstag. Wir hatten geplant, uns nach seiner Arbeit im Städtchen W. zu treffen. Ich hatte keine Lust, bei der hochsommerlichen Hitze mit dem Auto zu fahren und so beschlossen, den Zug zu nehmen.
Ein wenig schockiert hat mich hier schon der Anblick des Bahnhofs – ich gebe zu, oft wähle ich das Verkehrsmittel nicht. Müll überall im Gleisbett, keine Scheibe des Wartehäuschen, so überhaupt noch vorhanden, unbeschädigt. Ein junges Mädchen telefonierte lautstark mit ihrem rosa Handy, und ein Knabe, sicher nicht viel älter als 12 oder 13, lief mit düsterem Gesicht am Bahnsteig entlang und spuckte alle paar Schritte auf den Boden.
Ich zog eine Karte aus dem besprühten Automaten und ging umher, wartete. Mein Blick fiel auf die von provisorischen Reparaturmaßnahmen teils verdeckte Laufschrift. „Information Zug XY fällt leider aus“ stand da.

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Meinten die jetzt, der Zug fällt aus, oder die Information über seine eventuellen Verspätungen? Ich argwöhnte ersteres, als sich die Ankunftszeit um mehr als fünf Minuten überzogen hatte. Ein Busfahrer, der vor dem Bahnhof hielt, brachte Klarheit. Der Zug falle aus, es sei auch nicht der erste heute, erklärte er launig. Ich bedankte mich und war frustriert. Was nun? Auf den nächsten Zug warten, der erst in einer halben Stunde eintrifft? So er denn kommt! Heimlaufen und doch das Auto nehmen? Da würde auch dauern. Und in einer Viertelstunde war ich mit meinem Mann verabredet.
Also tat ich etwas, das ich schon sehr lange nicht mehr gemacht habe. Ich stellte mich an den Straßenrand und trampte. Gleiche das dritte oder vierte Auto hielt an. Ja, erklärte der schlanke ältere Herr, er fahre nach Weinheim. Ich palaverte im angenehm kühl klimatisierten Fahrzeug kurz darüber, dass der Zug nicht fuhr. Er fing daraufhin an, mich auszufragen. Ob der mich etwa jetzt anflirten will, dachte ich irritiert. Doch das machen, wie ich aus Erfahrung weiß, ältere Herren sonst viel charmanter. Bei ihm erinnerte es mich eher an strenge Väter, die nach Kindergeburtstagen auf der Heimfahrt wissen wollten, ob man ja nicht besser in der Schule war als das eigenen Blag.
Mein Fahrer fragte, wo ich wohne, was ich studiert habe. Aha, Sozialwissenschaften. Auch Theologie? Nein. Das war sein Stichwort. Denn vor 20 – oder waren es 30 – Jahren habe er sein Leben Gott überantwortet, erklärte er mir. Sein Sohn war wohl ehedem einer Freikirche beigetreten und habe die Eltern dort eingeführt. Als Heilpraktiker habe er denn auch schon eine Frau mit Nervenschmerzen gesund gebetet. Man dürfe so was nie kritisch hinterfragen, darauf wies er nachdrücklich hin.
Ich quittierte diese Aussagen mit freundlich-wohlwollenden Kommentaren, wie man es so tut, wenn man als Journalistin arbeitet, die immer mal wieder Aussagen hört, mit denen sie privat wenig anfangen kann, oder auch als jemand, der sich um heitere Gelassenheit und nicht-Werten im Sinne der Achtsamkeit bemüht, oder auch als jemand, der wirklich gerne noch zwei Orte weiter mitgenommen werden will. Noch sechs Kilometer.
Ja, erklärte er mir weiter, er sei so zufrieden, seit er – ich kann diesen Slang nicht gut kopieren, man möge mir verzeihen – sein Leben Jesu (oder Gott?) überantwortet hatte. Gott habe ihm auch schon mehrere Visionen geschenkt, wie seine himmlische Heimstadt aussehen werde. Er habe sein künftiges Zuhause dort gesehen, auch schon seine Möbel… „Im Himmel gibt es Möbel?“, rief ich dann, doch etwas erstaunt, aus. Ja, versicherte er mir. Dann fing er an, darüber zu sprechen, dass die Taufe allein nicht ausreiche, vor allem wenn es eine Kindstaufe sei, die ja vor dem Alter stattfinde, in dem geglaubt werde. Und die meisten Eltern, nun klang er zornig, seien ja gar nicht in der Lage, ihre Kinder richtig christlich zu erziehen. Die in diesem Wissen taufenden Pfarrer würden sich später vor Gott verantworten müssen, prophezeite er düster. Am Ende landen die Kinder noch bei einem Irrglauben wie dem Buddhismus.
Ich ließ ihn reden. Nur noch zwei Kilometer.
Ob ich denn katholisch oder evangelisch sei, fragte er plötzlich. „Oh, ich bin nicht getauft“, erklärt ich ehrlich. Das gab ihm spürbar einen Stich, und er bemühte sich, jetzt nicht mehr ganz so souverän, mich im Eildurchlauf zu bekehren. Was denn passiere, kam er zur Sache, wenn ich morgen früh nicht erwache und tot sei? Dann sei ich eben tot, antwortete ich. Und dann? Ja, erklärte ich, das werde ich dann ja sehen. Die Antwort stellte ihn nicht zufrieden. Er zog eine kleine Bibel hervor, drückte sie mir in die Hand, als Geschenk, wie er sagte. Dann begann er, anlehnend an meine Nichtgetauftheit etwas von der Offenbarung des Johannes zu erzählen, entschied sich dann aber anders und erklärte, wie man die richtigen Bibelstellen betend lesen müsse, um von Gott den entscheidenden Wink zum Glauben zu bekommen. Man lehre das bei freikirchlichen Gemeinden wie der seinen. Er betete mir auch gleich die entsprechende Stelle vor.
Noch einen Kilometer.
Auf den letzten paar hundert Metern erklärte er mir noch hastig, dass die Evolution wissenschaftlich widerlegt sei, da alle Elektronen die gleiche Ladung besitzen – oder war es die gleiche Masse? Ich lobte ihn, dass er diese Zahl im Kopf hatte, ich hätte sie seit meiner Schulzeit lange vergessen, was er unwirsch zur Seite wischte.
Da, mein Ziel. Ich stieg aus, bedankte mich höflich für Mitnahme und Bibel und wünschte ihm noch einen schönen Tag. Ob er wohl eine Liste führt, fuhr es mir durch den Kopf, als ich ihm den Rücken kehrte, wie vielen Menschen er am Tag, in der Woche, im Monat ein Gespräch über seinen Glauben aufdrängt?
Justemang sah ich, die Hauptstraße überquerend, den besten Ehemann von allen um die Ecke biegen. Wir begrüßten uns und schlenderten eine Weile durch die Gassen der kleinen Bergstraßenstadt, die mit nur ein wenig Phantasie genauso gut irgendwo am Gardasee liegen könnte, wenn man an einem heißen Hochsommerabend dort umhergeht. Wir tranken im Schlosspark einen Piccolo Sekt und freuten uns des Lebens.
Nur eine Frage lässt mich seither nicht los. Wie wohl das Mobiliar im Himmel aussieht?
Juli 2015

Pierre n’est pas là (2010)

Pierre ließ das Feuerzeug noch einmal klicken. Kurz flammte der rostige Petroleumbrenner auf und flackerte ein paar Sekunden verheißungsvoll. Dann erlosch er; dabei verströmte er dicken, stinkenden Rauch.
Pierre verzog das Gesicht. Irgendetwas machte er falsch. Versonnen blickte er auf die Dose mit Ravioli, die aus seinem alten Stoffrucksack ragte, und zog schließlich mit einem wütenden Schnauben an der Lasche im Dosendeckel. Der Deckel widersetzte sich erst, versprengte dann aber, als Pierre ihn mit zu viel Kraft ganz von der Dose abzog, einen zarten Regen aus Tomatensafttropfen. Einige davon trafen die Brille des Jungen. Er verrieb sie ungeschickt mit seinem Hemdzipfel und begann zu essen.
Er kaute lange an jedem Bissen der kalten, glitschigen Nudeltaschen, und musste sich zwingen, zu schlucken.
Ekelhaft.

***

Madame Archaud hatte nicht auf Pierres Frage reagiert. Konzentriert, die Augenbrauen zusammengezogen und die Stirn gerunzelt, die Lippen wie verächtlich gespitzt und die Lesebrille weit nach vorne auf die Nasenspitze geschoben, nestelte sie langsam an der Masche, die ihr beim Sockenstricken heruntergefallen war. Endlich konnte sie sie fassen und zurück auf die Nadel schieben, ohne dass eine Laufmasche entstand. Sie seufzte zufrieden und tastete blind nach der angeschlagenen Steinguttasse mit Tee, die auf dem resopalbezogenen Küchentisch neben ihr stand, und begann leise vor sich hin zu summen. Die Stricknadeln klapperten dazu rhythmisch.
Pierre schlug verlegen seine langen, mageren Beine übereinander, erst das linke über das rechte, dann umgekehrt, und räusperte sich leise. Seine Mutter zog die Brauen noch etwas mehr zusammen, und erst, als er nervös mit den ausgetretenen Schuhen auf dem Boden zu scharren begann, nahm sie die Brille ab, legte sie zusammen mit dem Strickzeug zur Seite und rieb sich erschöpft die Augen. Sie seufzte noch einmal, sah dann hoch, an Pierre vorbei und auf die alte Küchenuhr. Sie strich sich über ihre Hände. Es machte ein trockenes, reibendes Geräusch.
Ihre Hände waren rot und rau durch die Putzmittel, mit denen sie Tag für Tag Waschräume reinigte, irgendwo in einer der auswechselbaren grauen, lärmenden Fabrikhallen, irgendwo am Stadtrand von Djion, immer in den frühen Morgenstunden, bevor die Tagesschicht anfing.

***

Der August war weit fortgeschritten, und die Sonne ging schon merklich früher unter als im Juni oder Juli. Die erste Ahnung des Herbstes lag in der Luft, und hin und wieder schien es Pierre, als habe er schon einen Stich ins Gelbliche, ins Rötliche im Grün der Bäumen entdecken können, aber wenn er genauer hinsah, war er sich nicht mehr so sicher.
Die Trauben in den weiten Hügeln der Elsässer Weinberge rundeten sich und näherten sich der Ernte. Noch war es allerdings nicht soweit, zu Pierres Bedauern. Er hatte sich Mittags zwischen den langen geraden Reihen der Weinreben versteckt und hungrig einige Handvoll Trauben verzehrt, auch wenn ihre Säure ihm den Mund zusammengezogen hatte. Aber ihn trieb der Hunger. Sein Budget für die nächsten Tage wurde immer schmaler, und der billigste Campingplatz, den er hier hatte finden können, kostete 10 Euro die Nacht, auch wenn Pierre nicht mehr mitbrachte als sich, sein altes, aber gepflegtes Rennrad und das winzige Zelt, das er vor einigen Wochen für ein paar Euro auf dem Flohmarkt gekauft hatte. Erst zu Hause hatte er bemerkt, dass es von Mäusen angenagt gewesen war und muffig nach Stockflecken roch; er hatte es, soweit er konnte, geflickt. Seine Mutter verstand viel von Handarbeit, und er hatte in ihrer Kommode schnell dickes Garn und Nadeln gefunden. Mühselig verschloss er die Lücken mit Flicken, erneuerte mürbe Fäden. Doch ganz dicht war es nicht geworden; wenn sich der Tau in den kühlen Nächten auf der Zeltplane sammelte, quollen Tropfen durch die Nähte wie Tränen.
Pierre hatte in den Abendstunden schon mehrmals mit raschem Schritt das Sanitärgebäude in der Mitte des Campingplatzes aufsuchen müssen, so eilig polterten die unreifen Trauben durch seinen Verdauungstrakt. Er fühlte sich schwach; ihm war außerdem übel von den kalten Ravioli. Erschöpft sackte er jedes Mal auf der Toilettenschüssel zusammen und schämte sich für die lautstarken Geräusche, die seine Verdauung produzierte. Nur durch dünne Holzwände getrennt hört er Familien, die ihr Geschirr abwuschen, dabei lachten und miteinander schimpften, und er fühlte sich allein.
Langsam kroch die Dämmerung die Hügel hinab. Noch einmal versuchte Pierre, den Petroleumbrenner anzuzünden, um wenigstens lesen zu können, doch wieder ohne Erfolg. Er verfluchte leise, dass er dieses prähistorische Gerät vom Dachboden mitgenommen hatte. Es stammte wohl, dem beiliegenden Zeug in der Kiste nach zu urteilen, von seinem Großvater. Dieser hatte als junger Mann, kaum älter als Pierre jetzt, gegen die Deutschen gekämpft. Eine alte, vergilbte Urkunde lobte seinen Mut, immerhin hatte er sich gleich am ersten Tag im Feld ein Bein kaputtschießen lassen.
Das Rasiermesser, die muffige Soldatenmütze und das angerostete Messer hatte Pierre liegen lassen. Ein wenig ekelte er sich davor; er konnte sich nur noch dunkel an den alten, bösen Mann mit dem Beinstumpf erinnern. Doch den Brenner hatte er mitgenommen und gedacht, so ein altes Gerät sei sicher rustikal und unzerstörbar. Jetzt aber überschlug Pierre sicher zum zehnten Mal, ob er sich einen kleinen Gaskocher würde leisten können. Doch nein; mindestens das Budget für zwei Urlaubstage würde ihn eine solche Anschaffung kosten.
Neidisch schaute er hinüber zu dem deutschen Pärchen, das sich auf ihrem Gasherd gerade einen Topf Nudeln kochte, daneben einen kleinen Tomatensalat zusammenschnippelte und die Espressokanne noch einmal mit Kaffeepulver befüllte. Sie schwatzen und lärmten dabei die ganze Zeit in ihrer knackenden, unangenehmen Sprache, die noch schlimmer klang als das unverständliche Genuschel der vielen Holländer, die den Campingplatz bevölkerten. Die beiden waren sicher schon weit über 30, sahen aber aus wie Studenten. Er hatte lange, glatte blonde Haare – an den Schläfen wichen sie deutlich zurück – und sie war recht rund um die Hüften, die sie in zu enge Jeans presste. Die beiden und bewohnten ein großes, altmodisches, windschiefes Zelt. Weiter brabbelnd und schwatzend begannen sie, ihr Mahl zu verzehren; eine Flasche Elsässer Weißwein kreiste dabei zwischen ihnen. Der Geruch von Espresso und heißer Tomatensoße wehte zu Pierre hinüber. Er atmete tief durch, versuchte, den wieder aufbrausenden Schmerz in den Eingeweiden zu ignorieren und schlug sein vergilbtes Taschenbuch auf; „Être et temps“ von Heidegger.
Die Wolken am Horizont reflektierten die letzten Sonnenstrahlen in einem mild-gelben Licht; er konnte die Buchstaben gerade noch erkennen.
Vielleicht suche ich mir morgen einen Platz im Wald, dachte er, dann kann ich Geld sparen und wenigstens mal etwas Gutes essen. Er sah zu den dunklen, steil aufragenden bewaldeten Hängen der Vogesen hoch und schauderte.

***

Anders als ihre Kollegen und, vor allem, Kolleginnen verwendete Madame Archaud nicht die dicken, rosafarbenen Handschuhe beim Putzen. Stattdessen hielt sie den Lappen oder die Bürste in den bloßen Händen und rieb so verbissen in den Toilettenschüsseln, den Waschbecken, den Pissoirs und über die uringesprengelten Böden. Die junge schwarze Françoise, der vorne ein Schneidezahn fehlte, was ihr ein verwegenes Aussehen gab, hatte sie Anfangs ausgelacht.
„Das muss du nicht tun,“ hatte sie gesagt und ihr eine noch eingeschweißte Packung mit einem Paar ellbogenlanger Handschuhe in die Hand gedrückt, mittlere Größe; sie hätten gepasst.
„Das ist doch unnötig!“
Madame Archaud hatte so getan, als verstünde sie Françoise nicht, die hatte es noch einmal auf Englisch probiert und in einer Sprache, die Madame Archaud nicht kannte; dann hatte sie die Schultern gezuckt und war wieder ihrer Arbeit nachgegangen.
Madame Archaud hasste die dicken Gummihandschuhe. Sie hatte damit kein Gefühl für das, was sie tat. Und auch, wenn sie sich jeden Tag bei dieser Arbeit erniedrigte, wenn sie Exkremente irgendwelcher einfachen Tagelöhner wegwischte, wollte sie diese Arbeit so gut machen, wie es nur ging. Madame Archaud hatte schließlich ihren Stolz. Nicht nur die Arbeit, auch ihre Strickkünste und ihr immer noch volles, schönes Haar erfüllten sie ab und zu mit einem Schauder von Eitelkeit, für den sie sich ein bisschen schämte.
Doch ihr größter Stolz war Pierre.
Erst letztes Jahren hatte der große magere Junge das Bac geschafft, als erster in der Familie, und mit sehr guten Noten; so guten Noten, dass er an der Universität ein Jurastudium beginnen konnte.
Pierre räusperte sich noch einmal zaghaft, und endlich sah sie ihn an. Sie nickte, die Brauen hochgezogen.
„Pierre, ich verstehe, das du gerne verreisen möchtest. Wer möchte schon Tag und Nacht mit seiner alten Mutter zusammensitzen und sich langweilen.“
Pierre öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber sie winkte mit einer müden Geste ab.
„Wie auch immer. Ich habe kein Geld übrig, Pierre. Jeden Cent, den ich nicht für uns beide zum Leben brauche, spare ich für deine Bücher. Erst letzten Monat habe ich dir für 80 Euro Bücher kaufen müssen. Und,“ wieder wehrte sie seinen Einspruch ab, „und ich habe es gerne getan. Aber für Urlaub – nein, dafür habe ich kein Geld. Ich selbst habe noch nie Urlaub gemacht.“
Pierre wusste, dass das nicht stimmte. Er wusste, dass seine Mutter mit seinem Vater in den Flitterwochen in Marseille gewesen war. Sie hatten am Meer gesessen und Muscheln gegessen und in Bars Musik gehört und Zigaretten geraucht. Abends hatten sie Wein getrunken und den Kreuzfahrtschiffen zugesehen, die hell erleuchtet im Hafen lagen. Sie hatten in einer kleinen, nach Fisch stinkenden Pension übernachtet. Seine Mutter hatte es gerne erzählt und manchmal auch albern dabei gelacht, damals, bevor Pierres Vater plötzlich verschwand.
„Du brauchst mir nichts geben,“ sagte er nach einer kurzen Pause, in der er dieser Erinnerung nachhing, die alt und staubig und bitter schmeckte, „du brauchst mir nichts zu geben. Ich habe in den letzten Wochen in der Bibliothek an der Universität ausgeholfen und mir dabei etwas verdient.“
Seine Mutter schaute ihn verblüfft an, schnaufte dann leise.

***

Der nächste Morgen war sonnig. Pierre hatte unruhig geschlafen; das Pärchen hatte nach der zweiten Flasche Wein begonnen, sich zu zanken, und nun wusste Pierre, das auch Streiten auf Deutsch unangenehmer klang als auf Französisch. Irgendwann war das Streiten leiser geworden, war erst in Kichern und dann andere Geräusche übergegangen. Pierre lauschte dem Murmeln und Stöhnen mit zunehmender Pein, zog sich dann seinen Schlafsack über die Ohren und drückte die Hände dagegen. Er versuchte, seinen brennenden Unterleib zu ignorieren und einzuschlafen, aber es dauerte lange. In seinen Träumen schwebte der dicke Hintern der Deutschen vor ihm hin und her, und er erwachte mit einer schmerzenden Erektion.
Scheiß Deutsche, dachte er noch im Halbschlaf. Ungehobelt. Rücksichtslos.
Nun aber blinzelte er in die Sonne, die sich träge über Wald und Burgruinen im Osten erhob, und überlegte, ob er es wirklich wagen wollte, irgendwo in der Wildnis zu nächtigen. Denn Wildnis war es, wenn man sich von den pittoresken und sehr teutonischen Elsässer Dörfern ein Stück ins Hinterland der Vogesen begab und dort in die Wälder. Dort waren nicht mehr wie in den kleinen Weinorten tausende von zumeist dickleibigen Touristen unterwegs, die alle möglichen Souveniers mit Storchenmotiven kauften. Er hatte gelesen, in den Vogesen gäbe es sogar noch Wölfe. Er blickte missmutig auf den hohen Maschendrahtzaun, der den Campingplatz von den umliegenden Wiesen und Äckern abgrenzte.
Zuhause in Djion war es so leicht erschienen, einfach mit dem Fahrrad draufloszufahren, irgendwo heimlich auf Wiesen und Parkplätzen zu schlafen, das Geld für Essen und vielleicht auch einmal ein paar Stationen mit dem Zug zu sparen, um schneller voranzukommen. Zwei Wochen als Streuner, als Tramp.
Doch mit jeden Kilometer, den er nach Osten und Norden fuhr, wurde Pierre desillusionierter. Die Bauern, die er höflich nach einem Schlafplatz fragte, schüttelten unwirsch den Kopf. Nur einer ließ ihn auf einer mit Kuhfladen übersäten Wiese zelten, wo Bremsen und Mücken den Schlafenden die ganze Nacht quälten, und verlangte dafür am nächsten Morgen fünf Euro. Von einem öffentlichen Parkplatz vertrieb ihn ein Flic mit solche derben Vorwürfen und Verwarnungen, dass er nicht mehr gewagt hatte, diesen Versuch zu wiederholen. Noch waren die Nächte warm; er könnte sich einfach mit seinem Schlafsack auf eine Bank an einem Wanderweg legen, fernab der Menschen, oder irgendwo auf weiches Moos in den Wald. Zuhause hatte er diese Vorstellung romantisch gefunden, aber wenn er jetzt mit dem Fahrrad an den verschlossen wirkenden Waldrändern entlangfuhr, aus denen Stille quoll wie Wasser aus einem lecken Damm, und von wo allenfalls ein fernes Hundebellen von einem einsamen verwahrlosten Bauernhof klang, gruselte es ihn, und er fuhr schnell zurück zu den Dörfern, Weinbergen und Feldern.

***

„Schön, dass du finanziell so selbstständig bist.“ Demonstrativ strich Madame Archaud wieder über ihre Hände, bis man fast die Hautschuppen fallen sehen konnte, und Pierre stellten sich die Nackenhaare auf. Sein Mund wurde plötzlich trocken, und er musste sich mehrmals räuspern. Schweigend zog er seinen abgewetzten ledernen Geldbeutel aus der hinteren Hosentasche, sah hinein, zog zwei Fünfziger heraus, zögerte, nahm noch einen und legte sie vor seiner Mutter auf den Tisch.
„Da. Für die Bücher in diesem Quartal, die du bezahlt hast.“
Sie erwiderte etwas, aber da war er schon fast draußen, Blut brauste in seinen Ohren, und ihm war schwindelig. Säure stieg ihm vom Magen auf. Er schlug seine Zimmertür fester als nötig hinter sich zu, bremste sich erst in letzter Sekunde, die immer noch in Folie eingeschweißten juristischen Fachbücher, die auf seinem ordentlichen Schreibtisch thronten, auf den Boden zu fegen. Er warf sich auf sein Bett – es gab wie immer zu sehr nach und knarrte laut – und presste die Augen fest zusammen.
Er hatte mit dem Fahrrad mindestens zwei Wochen durch Frankreich fahren wollen. Er öffnete die Augen und sah in seinen Geldbeutel, den er immer noch fest umklammert hielt; er hatte nur noch 200 Euro. 100 Euro die Woche, rechnete er, 13 Euro am Tag. Das muss reichen. Er atmete tief ein und aus. Das musste reichen.
Früh brach er am nächsten Tag auf. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, und seine Mutter hatte das Haus gerade erst zur Frühschicht der Putzkolonne verlassen. Pierre nahm sein Gepäck, das er unter dem Bett versteckt hatte. Er hatte es seit Tagen und Wochen immer wieder neu gepackt und optimiert – es wog nicht schwer. Schnell nahm er noch etwas aus der Küche mit – eine Flasche Wasser, eine Packung Kekse, einige Äpfel. Blind und eilig taumelte er durch die noch dämmrigen Räume. Er schaltete das Licht nicht an. Wie prickelnder Dunst erfüllte die kühle Morgenluft seinen Kopf, als er aus dem Haus trat, das Fahrrad aus dem Schuppen schob und sich daraufschwang. Er fuhr, das Gesicht dem sich aufhellenden Himmel entgegengestreckt, zitternd vor Aufregung und Angst, und er schloss das Hoftor nicht hinter sich. Kräftig trat er in die Pedale und fuhr Richtung Osten, der Sonne entgegen, die ihn bald blendete. Aber es störte ihn nicht.
Seen, Felder, Dörfer flogen an ihm vorbei, und als er Abends, hungrig und berauscht von der Anstrengung, vom Fahrrad stieg, mit steifen Beinen der Rezeption eines kleinen Campingplatzes kurz vor Besançon entgegen wankte, fühlte er sich so leicht wie noch nie in seinem Leben zuvor.
Madame Archaud aber fasste sich ans Herz, als sie den Zettel auf den Küchentisch fand. Ein kariertes Blatt, achtlos aus einem Ringblock gerissen. Die Buchstaben in der krakeligen ungelenkten Schrift – oh, wie sehr hatte sie früher versucht, ihm eine schöne Schrift beizubringen, alles vergeblich – tanzten vor ihren Augen, bis sie sich zusammenriss und die schnoddrige Botschaft las: „Bin zwei Woche mit dem Fahrrad weg, Zelten. Alles Liebe, Pierre.“ Madame Archauds blieb still. Sie knüllte das Papier fest zusammen, während ihre Augen sich mit Wasser füllten.
Weg ist er.
So wie Heinz.

***

Es war schon warm, der Vormittag war bald vorüber, und die Schatten der Bäume auf dem Campingplatz waren kürzer geworden. Lange hatte Pierre gezögert, in seinem Taschenbuch geblättert und nachgedacht, ob er hier bleiben wollte, und sich letztendlich dafür entschieden. Einen Tag herumfahren, nur um dann einen anderen, ähnlich teuren Campingplatz zu finden – das war Zeitverschwendung, sagte Pierre sich. Und weiterreisen? Pierre überfiel eine lähmende Unentschlossenheit bei dem Gedanken an seine nächste Etappe. Verwirrt zog er seine Straßenkarte von Frankreich heraus, hielt sie dich an sein Gesicht, um auch die kleinen Straßen gut sehen zu können. Dann legte er sie resigniert wieder zusammen und steckte sie zurück in den Rucksack.
Das deutsche Paar war, wie üblich laut redend, zu einem Ausflug aufgebrochen. Auch die vielen Holländer, die sonst die meiste Zeit auf Gartenstühlen vor ihren Wohnmobilen verbrachten, waren verschwunden. Ein Storch schritt zerzaust, aber würdevoll zwischen den Wohnwagen und Zelten auf und ab. Pierre hatte auf einer Informationsbroschüre, die kostenlos an der Rezeption auslag, gelesen, dass das Elsass für seine Störche berühmt war. Sie wurden inzwischen in großen Volieren herangezogen und ausgewildert, da die ursprüngliche Population durch Flurbereinigungen erfolgreich dezimiert worden war. Lange hatte Pierre am Tag zuvor vor einer der Volieren gestanden, es hatte nach Vogelkot gerochen, und einzelne Federn lagen auf dem betonierten Boden. Ein kleiner Junge, sicher nicht älter als vier Jahre, versuchte, kleine Kiesel durch den Maschendrahtzaun auf die trägen Vögel zu werfen, und Pierre konnte sich nicht dazu durchringen, ihn daran zu hindern.
Pierre entdeckte, dass die Deutschen ihr Zelt hatten offen stehen lassen. Schnell, sich heftig atmend umsehend, kroch er hinein, griff mit knurrenden Magen nach einer großen Packung Schokoladenkekse und nach einer Flasche billigen Rotwein. Es war ein französischer Tropfen, aber noch nicht einmal einer aus der Gegend; im Elsass produzierte und trank man auch mehr Weißwein, wusste Pierre.
Hinter einem dürren Gebüsch, dass die einzelnen Parzellen voneinander abgrenzte, stopfte er zitternd die Beute in seinen Rucksack. Schnell und mit hochroten Kopf schwang er sich auf sein Fahrrad und verließ den Platz. Beinahe stieß er an der Ausfahrt des Campingplatzes mit einem schottischen Wohnmobil zusammen – der Fahrer beschimpfte ihn unflätig in einem unverständlichen englischen Dialekt – und fuhr, ohne nachzudenken, immer weiter. In der Ferne, jenseits des Rheins, zeichnete sich ein Höhenzug ab, und Pierre überlegte, dass das sicher schon der deutsche Schwarzwald war.

***

Ja, Madame Archaud hatte Heinz geliebt. So sehr, dass sie den deutschen Fernfahrer, der aus Freiburg stammte, bei sich aufgenommen hatte, obwohl ihr Vater geschworen hatte, sie zu enterben und verstoßen, sollte sie sich mit einem Boche abgeben. Ein Teil des alten Monsieurs Archaud war immer zusammen mit seinem weggeschossenen Bein irgendwo in einem französischen Schützengraben geblieben. Als Madame Archaud ihren Heinz heiratete, sich fortan Rahmsfeld nannte und dann sogar noch einen dicken Bauch bekam, schloss ihr Vater sie aus ihrem Testament aus und starb in Bitterkeit. Vielleicht war es Reue, dass sie ihren Mädchennamen wieder annahm, nachdem Heinz von einer Tour nach Spanien nicht zurückgekehrt war.
Madame Archaud hatte sich nie bemüht, nach ihm zu suchen.
Er war nur ein Boche.
Wie hatte sie so dumm sein können.

***

Zuerst ging es bergab, die schmale Straße gesäumt von den ewigen Weinreben. Dann war die Strecke hinunter zum Rhein eben. Pierre trat heftig in die Pedale, und noch immer war sein Kopf hochrot vor Scham. Schwer wog die Weinflasche in seinem Rucksack auf dem Rücken.
Er folgte unwillkürlich den Schildern, auf denen Freiburg stand. Château libre, dachte er. Frei und sicher. Ein schöner Name für eine Stadt.
Er ließ abgeerntete Felder, kleine Dörfer und Straßen hinter sich. Die Wolken zogen rasch über seinen Kopf hinweg, manche hatten dunkle Bäuche; wahrscheinlich würden sie auch heute an der Ostflanke der Vogesen hängen bleiben und sich abregnen. Aber dann bin ich ja schon weg, dachte Pierre, als er hinaufsah.
Er unterquerte eine Autobahn, hielt kurz am Straßenrand inne und wischte sich über die schweißnasse Stirn. Über ihn rauschten die Wagen, und wenn es ein großer Laster war, zitterten die Pfeiler der Brücke etwas, oder er bildete sich das zumindest ein. Er fühlte sich beklommen, die Abgase stachen in seine Lunge, und als ein Autofahrer neben ihm hupte und ihm einen Vogel zeigte, fuhr er schnell weiter. Er ließ Colmar links liegen, fuhr Richtung Breisach. Bald schon kündigten Schilder die Rheinbrücke an; es waren nur noch fünf Kilometer, dann drei, aber Pierre verließ die Straße, die direkt darauf zuführte, bog Richtung Norden ab, strampelte noch mehr.
Mit klopfendem Herz fuhr er durch Städte, Industriegebiete, Wald; er hatte schon lange die Orientierung verloren, der Durst ließ seine Zunge so trocken werden, dass sie wie ein staubiger Putzlappen in seinem Mund hing, seine Beine begannen, bei jedem Strampeln zu schmerzen, seine Muskeln waren erschöpft. Bald schon stand die Sonne im Zenit, sank dann langsam Richtung Vogesen. Pierre fuhr immer noch, aber langsamer jetzt, und grauer Schleier der Erschöpfung schoben sich hin und wieder vor seinen Blick.
Da endete plötzlich einer der Waldwege ohne Vorwarnung an einem schmalen Strand, und dahinter war der Rhein. Pierre bremste zu spät, er rutschte über die Steine und Kiesel und stürzte. Er schlug sich das Knie auf, und der Schmerz brachte ihn wieder zur Besinnung. Stöhnend und leise fluchend stand er wieder auf, besah sich den Schaden – das Fahrrad schien intakt, nur seine Hose war am Knie zerrissen, und es blutete etwas. Es schmerzte, und Pierre spürte widerwillig, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen.
Er setzte sich müde an das Ufer des Rheins, entnahm seinem Rucksack die Weinflasche. Zum Glück hatte sie einen Schraubverschluss, barbarisch, aber einen Korkenzieher hätte er nicht dabei gehabt. Hungrig aß er von den trockenen Keksen, die auf seiner wirren Fahrt im Rucksack zerkrümelt waren, die Schokolade geschmolzen. Er trank durstig und in großen Schlucken; er schämte sich nicht mehr. Ächzend streckte er sich nahe des Wassers auf den harten Kieseln auf. Kleine Wellen schwappten träge auf Pierre zu. Wenn ein Schiff vorbeifuhr, zog Pierre die Beine etwas an, denn dann leckten die Wellen ein klein wenig höher. Es roch nach Feuchtigkeit und Wasserpflanzen und ein bisschen nach Fisch, und Pierre fragte sich, ob so das Meer roch, an dem er noch nie gewesen war.
Der Schwarzwald, irgendwo am anderen Ufer, begann golden zu leuchten; die Sonne strahlte ihn jetzt an.
Pierre leerte die Flasche schnell, spülte mit dem bitteren Wein die klebrigen Kekskrümel herunter, und noch bevor er die Flasche zur Neige ausgetrunken hatte, war ihm schwindelig. Er trank selten Alkohol, und schon gar nicht so viel auf einmal. Seine Mutter hasste es, wenn jemand betrunken war.
Verwirrt ließ er sich auf den Rücken fallen, spürte die harten Rheinkiesel im Rücken, hörte von Ferne das Brausen von Autoverkehr und, etwas näher, die schweren Schiffsmotoren der Frachter, die den Rhein entlangfuhren. Ein paar mitreisende Möwen kreischten. Wieder dachte Pierre an das Meer, müde und beduselt stellte er sich vor, an einem Strand zu liegen. Kälte stieg vom Boden auf, und die Wolken über ihm zogen sich dichter zusammen.
Pierre brummte und setzte sich auf, warf einen letzten Blick hinüber an das andere Ufer. Es lag nun im Schatten, dort regnete es wohl schon. Kurz streifte drüben ein letzter Sonnenstrahl etwas Glänzendes, vielleicht eine Scheibe an einem Gebäude, und es blitze auf.
Ganz leise polterte ein ferner Donner.
Steif erhob sich Pierre. Er trank den letzten Schluck Wein und warf die Flasche in den Rhein. Einen Weile konnte er sie auf ihrem Weg Richtung Norden noch in den Wellen tanzen sehen, dann war sie fort.
Er seufzte und stellte etwas schwankend sein Fahrrad auf. Langsam schob er seinen Hintern auf den Sattel.
Er fuhr, etwas wackelig zuerst, dann sicher und bald schnell und immer schneller auf die Rheinbrücke zu. Sein Kopf war leer, nichts hatte darin Platz außer Sonne und Regen und dem Quietschen seiner Pedale. Er trug leicht an seinem fast leeren Rucksack, und keine Satteltaschen mit muffigen Zelten oder Schlafsäcken beschwerten ihn. Er verschwendete keinen Gedanken mehr an diese Sachen oder seinen Ausweis, der als Kaution noch auf dem Campingplatz auf ihn wartete.

Und dann war Pierre nicht mehr da.

Vom Himmel fielen erste Tropfen.

Waldmeister (2014)

Die Sonne küsst dich warm auf die Wange.
Der Waldmeister, zu früh erblüht, duftet süß.
Leiste singen Meise und Bach unter dem Buchendach,
Das schon ein grünes Festkleid trägt.

Doch du ballst die Fäuste. Sie kann dich nicht täuschen,
Die Waldmeisterzeit zwischen Vollmond und Hexenritt.
Du weißt, zu ähnlich ist die holde Maikönigin
Ihrer verschleierten dunklen Schwester im Herbst.

Du siehst das Wabern zwischen Zweigen
und hörst einen morschen Stamm aufstöhnen.
Der Blütenduft weicht immer stärker
Dem Geruch nach Harz und wilden Tieren.

Und wie zur Zeit der Kürbislaternen
können wohlvertraute Wege nun trügen.
Du hörst Vogelrufe, die du nicht kennst,
und könntest verlorengehen, einfach so.

Bittersüßer Waldmeisterzauber.
Es ist, als wenn jeder Mensch,
der es einmal berührt,
nun einen Haken in dein Herz senkt
und daran zieht.

Glasei (1996)

Dreh dich im Kreis,
drei mal,
die Wand ist immer vor dir.
Sie schützt dich, sie ist rein,
durchsichtig und klar wie Wasser.
Du bist unangreifbar
und schrecklich allein.
Es kann dich zum Lachen bringen,
das stumme Auf- und Zuklappen
der Münder anderer.
Doch oft wünschst du, du
könntest sie hören,
mit ihnen schreien, singen, rufen,
verletzlich und zart sein
wie sie.
Wie eine monströse Gebärmutter
schließt das Ei dich ein.
Du thronst darin,
ein lächelnder Buddha,
gefühllos, gedankenlos,
leer.

– ohne Titel – (1995)

Manchmal,
an sonnigen Novembertagen,
kann es geschehen,
daß das Herbstlicht durch mich flutet,
und mich durchsichtig
und unangreifbar macht.

Du kannst mich nicht fassen.
Lächelnd, wie ein gütiger Geist,
schwebe ich vorüber,
hinterlasse keine Spuren,
keinen Abdruck …

Keine Angst, kein Schmerz
erreicht mich länger.
Alle Gedanken liegen bloß,
doch auch das kalte Feuer in mir
birgt keinen Schrecken mehr …

Du siehst mir nach …
wie eine leise Melodie,
vom Wind getragen,
verstumme ich langsam im Nebel …
ich hauche noch einen Kuß
und zerfließe
zu Licht.

Für Nietzsche und all die anderen (Glosse von 1997)

Das Beste
Wenn dir’s in Kopf und Herzen schwirrt
Was willst du Beßres haben!
Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt,
der lasse sich begraben.
Goethe

Für Nietzsche und all die anderen

Es fängt zumeist ganz harmlos an;
Du nimmst den Wechsel gar nicht wahr,
Dabei schleichst sich schon etwas an;
Vielleicht erscheint es wunderbar
Und du treibst es sogar voran.
Die Welt ein wenig anders sehen …
Oder bist du nur leicht verwirrt?
Du denkst, es müßte schnell vergehen,
Doch bald verschwindet dein Verstehen,
Wenn dir’s in Kopf und Herzen schwirrt.

Die erste Furcht ist schnell vorbei;
Warum nicht einfach anders sein?
Du siehst zum Himmel, fühlst dich frei,
Und bist auch niemals mehr allein.
Die guten Geister sind dabei.
Dein Ich dehnt sich unendlich aus,
Wie kann man sich dran laben!
Du fühlst so stark, in Saus und Braus
Brichst du aus jedem Kerker aus,
Was willst du Beßres haben!

Bist du soweit, hältst du nicht mehr,
Die Fesseln hast du abgestreift,
Der Menschlein Geist enttäuscht dich sehr,
Zu weit ist deiner doch gereift,
Unnötig weiterer Verkehr.
Du löst dich ab, du gehst dahin,
Die andern nennen dich verwirrt –
“Ihr alle wißt nicht, wer ich bin,
Denn kennt nur der allein den Sinn,
Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt!”

Der Flug ist hoch, der Flug ist leicht,
Zur Sonne, und noch weiter!
Doch hast du sie niemals erreicht,
Du ungestümer Reiter!
Schon alles Wundervolle weicht –
Nun weißt du wirklich, wie es steht,
Dein Gott will dich nicht haben.
Du kannst nicht umkehrn, viel zu spät,
Wer so wie du bis hierhin geht
Der lasse sich begraben.

Morgenröte

Die lachend helle Morgenröte
Weiß nichts von der vergang’nen Nacht.
Als ob der Anfang stets das töte
Was du im Leben schon vollbracht.

Und ebenso – in jedem Dunkel,
Das herrscht, sobald die Nacht anbricht,
Vergessen wir im Sterngefunkel
Das hoffnungsvolle Morgenlicht.

(KG 2003)

Something completely different: Salatrezept

salat

Kichererbsen-Dinkel-Möhrensalat

1 kl. Tasse gekochte Dinkelkörner

1 kl. Tasse Kichererbsen aus der Dose

2 Mohrrüben

1/2 Zitrone

1 Knoblauchzehe

4 Bärlauchblätter

etwas neutrales Öl

etwas Mayonnaise

Salz, Pfeffer, Bockshornklee gemahlen und Schwarzkümmel

Möhren reiben, Zitrone auspressen, Knoblauchzehen pressen, Bärlauch in Streifen schneiden. Alles mit den übrigen Zutaten vermengen, abschmecken, fertig.